
GulistanDieser Text ist viele Texte. Haupttext, Subtext, Prosa, Lyrik, Erzählung, Appell, Bericht, Gesang, innerer Monolog und Menetekel.
Gulistan ist die Frau von Ciya. Sie leben als irakische Kurden unter der Diktatur von Saddam Hussein und eines Tages verschwindet Ciya. Auf der Suche nach ihm irrt Gulistan durch das Land, findet ihn schließlich als Doppelgänger des Diktators wieder.
Das Buch berichtet vor allem über die äußeren und inneren Schrecken des Staatsterrors. Und die Autorin findet viele eindrucksvolle Bilder für die Zerrissenheit des Lebens, wie z.B. dieses:
"Der Geschmack von Schießpulver im Mund als Vorbereitung auf ein Gebet."
Aktuell ist "Gulistan" nominiert für den Deutschen Buchpreis 2026.
Karosh Taha, Gulistan
DuMont, 978-3-7558-0072-9, 24 €


Der BetrachterManno erhält im Jahr 1948 einen Brief aus seiner Vergangenheit. Tagelang schleicht er um ihn herum und fürchtet sich, ihn zu öffnen.
Er lebt wieder in seiner Geburtsstadt Haarlem und arbeitet als Chefrestaurator am dortigen Frans Hals Museum. Die bloße Präsenz des Briefes (dessen Inhalt wir erst im letzten Kapitel des Buches erfahren werden) löst die Erinnerung an seine Jugend und frühen Erwachsenenjahre in Wien aus. Als 10-lähriger kam er zur Tante in die österreichische Hauptstadt, fühlte sich dort einsam und wenig geliebt, bis er in der Sommerschule seine Wahlfamilie fand. Mit Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte verbringt er fortan sämtliche Ferien und später auch die Wochenenden während seiner Studienzeit. Dann jedoch schiebt sich der erstarkende Faschismus und Antisemitismus immer deutlicher wie ein Keil in die bisher so unverbrüchliche Freundschaft und sprengt alle Bande.
Ein eindrücklich und wuchtig erzähltes Stück Geschichte mit leider politisch sehr aktuellem Hintergund.
Judith Fanto, Der Betrachter
Kein & Aber, 978-3-0369-5188-1, HC 26,00 €


Goliaths AugeDer Argentinier Diego Muzzio hat einen Schauerroman nach allen Reglen der Kunst geschrieben. Die Geschichte spielt vor hundert Jahren einerseits im Leuchtturm auf einer gottverlassenen Felseninsel vor Feuerland und andererseits in einer psychiatrischen Privatklinik am Rande Edinburghs.
Der Psychiater Dr Pierce bekommt den jungen Ingenieur Bradley als Patient eingeliefert. Aus der Zwangsjacke befreit, macht dieser nur noch Schwimmbewegungen und öffnet stumm seinen Mund wie ein Fisch. Ein Tagebuch dient dem Arzt als Anhaltspunkt für die auslösenden Ereignisse, die mit Bradleys Auftrag, den entlegenen Leuchtturm "Goliaths Auge" wieder instand zu setzen, zusammenhängen. Eine erschütternde Recherche nach traumatisierenden Erlebnissen, die keineswegs nur mit der Einsamkeit eines Leuchtturms zu tun haben, beginnt.
Ein ebenso faszinierender wie aufrüttelnder Roman über die Versehrungen der menschlichen Seele.
Diego Muzzio, Goliaths Auge
Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
Mare, 978-3-86648-758-1, HC 22,00 €


WellenlängeFelix Trimml wächst in den 30er Jahren ganz im Westen Deutschlands, in Aachen auf. Er hört leidenschaftlich Radio, allerdings nicht den einen Sender, den jeder Deutsche im allgegenwärtigen Volksempfänger hört, sondern Radio Luxembourg. Dort wird die ganz andere, die modernere Musik gespielt: Swing aus Amerika. Felix Lieblingsmoderatorin ist Eva Seeger. Ihre Sendung und ihr Moderationsstil gefällt ihm so gut, dass er keine Folge verpasst. Allerdings ist der Sender mittlerweile von den Nazis verboten worden und ihn heimlich zu hören ist ein riskantes Unterfangen. Eine einzige Denunziation von Nachbarn und man landet bei der Gestapo.
Wolfgang Böhm erzählt in seinem Roman die Geschichte des jungen Felix, der als Gymnasiast mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen wird und parallel die Geschichte der Radiomoderatorin Eva, die im Jahr 1939, als Radio Luxembourg staatlicherseits geschlossen wird, ins Londoner Exil geht und dann für die Alliierten weiter deutschsprachiges Radio moderiert.
Ein durchweg spannendes Stück Zeitgeschichte, vor allem davon, was Radio für ein mächtiges und Grenzen überwindendes Medium war.
Wolfgang Böhm, Wellenlänge
Picus, 978-3-7117-2174-7 , 25 €


DingsbumsManchmal weiß man nicht, was etwas ist, wozu es gut ist und wie man es nennen soll.
Dann ist es ein Dingsbums. Dieses Dingsbums weiß auch selbst nicht so genau, was es ist, wozu es taugt und fähig ist.
Kein leichtes Los. Aber vielleicht, ja vielleicht - liegt ja gerade darin auch eine Chance.
Eines Tages trifft das Dingsnums ein Kind im Sandkasten. Und für dieses Kind spielt es keine Rolle, was ein Dingsbums alles nicht ist. Vielmehr kann das Dingsbums für dieses Kind einfach alles mögliche werden und sein. Und das ist schließlich viel cooler als nur eine Bestimmung zu haben!
Ein Bilderbuch über Möglichkeiten und Chancen für ganz kleine und auch ganz große Menschen.
Marianna Coppo, Dingsbums
Leykam, 978-3-7011-8400-2, 20 €


Die KomponistinDie französische Musikerin und Autorin Alissa Wenz hat einen höchst einfühlsamen Roman über ein historisches Künstlerinnenleben im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts geschrieben. Ihr Roman zeichnet eindrucksvoll den Lebensweg der aus armen Verhältnissen stammenden Mélanie Bonis, die es als eine der ersten Frauen ihrer Generation schaffte, in die Kompositionsklasse des Pariser Musikkonservatoriums aufgenommen zu werden. Sie war Kommilitonin von Claude Debussy und Erik Satie und setzte sich in einer fast ausschließlich männlich besetzten Domäne durch. Allerdings mit dem Kompromiss, dass sie ihre Kompositionen unter dem männlich klingenden Pseudonym Mel Bonis veröffentlichte.
Hin und hergerissen zwischen der großen und heimlichen Liebe zum Sänger Amédée Hettich und ihrem großbürgerlichen Familienleben als Ehefrau und Mutter an der Seite eines deutlich älteren und wohlhabenden Fabrikanten führt Bonis ein Leben voller Widersprüche. Kreative Energie, Großbürgertum und Klassenkampf liegen hier nah beieinander.
Alissa Wenz, Die Komponistin
Deutsch von Alexandra Baisch
Wagenbach, 978-3-8031-3390-8 , TB 24,00 €


Die Frau als Mensch - SchamaninnenAktuell für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert!
Ein tolles Projekt hat die Comickünstlerin Ulli Lust vor einigen Jahren begonnen. Sie erzählt zeichnerisch die Geschichte der Menschheit, und zwar mit Fokus auf der Geschichte der Frauen. Nachdem Band 1 mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet wurde, ist jetzt der zweite Band dieser Graphic Novel bei Reprodukt erschienen. "Schamaninnen" stehen hier im Mittelpunkt. War die berühmte "Venus von Willendorf" wirklich die Figur einer Göttin oder vielleicht das Werkzeug einer Schamanin? Welche Rolle nahmen die Frauen in den Urgesellschaften ein, die der weisen Schamanin gehörte sicherlich dazu.
Eine höchst spannende und den Blick erweiternde Fortsetzung von Uli Lusts Erfoschung der "Frau als Mensch".
Ulli Lust, Die Frau als Mensch. Schamaninnen
Reprodukt, 978-3-95640-494-8 , HC 29 €


Wofür Tiere ihren Schwanz brauchenGerade weil es keine ganz alltägliche Frage ist, birgt sie für junge wie ältere Leserinnen und Leser eine Menge neues Wissen.
Alle Tiere sind mit einem Schwanz ausgestattet. Mal ist er klein und fast rudimentär wie der Ringelschwanz des Hausschweins, mal eindrucksvoll groß wie die Schwanzflosse eines Wals. In jedem Fall ist dieses Körperteil nicht ohne Zweck für das jeweilige Tier. Weder hat ein wohlproportionierter Pferdeschweif nur optische Funktion, noch kann ein Vogel ohne seine Schwanzfedern in der Luft navigieren.
Ein eindrucksvoll und opulent illustriertes Bilderbuch mit viel wissenswerten Infos.
Olivier Charpentier, Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen
Jacoby & Stuart, 978-3-96428-333-7, 19,00 €


Das Herz im Winter1891 ist in Butte, Montana ein gewisser wirtschaftlicher Aufschwung dank Arbeit in den Kupferminen zu verzeichnen. Allerdings führt der bei den meisten Arbeitern vor allem zu erhöhten Rechnungen in den Saloons. Aus aller Herren Länder kommen sie, besonders viele aus Irland. Einer von ihnen ist Tom Rourke. Für die Minenarbeit ist er sich zu schade, er kann immerhin lesen und schreiben. Also verfasst er anderer Leute Briefe gegen schmalen Lohn, den er sofort in Bier und Whiskey umsetzt oder er geht dem örtlichen Fotografen in seinem Atelier zur Hand. Dort lernt er Polly Gillespie kennen, die sich mit ihrem frischgebackenen Ehemann, dem frommen Minenaufseher ablichten lässt. Einen Tag später fliehen Polly und Tom auf einem gestohlenen Pferd Richtung Kalifornien und nutzen sprichwörtlich die Chance, die sie nicht haben. Denn mitten im Winter ist das alles andere als ein leichtes Unterfangen. Zumal sich nach kurzer Zeit bereits Kopfgeldjäger auf ihre Spur begeben.
Ein rasanter und aberwitziger Ritt, den der Ire Kevin Barry hier inszeniert. Romeo und Julia im wilden Westen.
Kevin Barry, Das Herz im Winter
Übersetzt von Thomas Überhoff
Liebeskind, 978-3-95438-182-1 , 23,00 €
